Im aktuellen Gespräch mit Dr. Gert Sudholt

Das Interview wurde veröffentlicht in NZ , München Ausgabe 11.09.2009

Frage:  Herr Dr. Sudholt, was bewegt Sie in diesen Tagen am meisten ?

Wer die Gedenkfeiern an den Kriegsausbruch von 1939 auf der Westerplatte mit internationaler Besetzung an Staatsmännern und Politikern oder in den Medien aufmerksam verfolgt hat, wird zu dem Ergebnis kommen, dass die Nürnberger Geschichtsentstellung von 1945/46 und die Umerziehung über mindestens sechs Jahrzehnte reiche Früchte getragen hat. Entweder wider besseres Wissen oder aus mangelnder Kenntnis wurden alte Legenden wieder aufgewärmt. In diesen Tagen spürt man, dass dieses Land nicht souverän sein kann oder aber die politische Klasse belehrungsresistent sein muss. In wirtschaftlich besseren Tagen wurde vermeintliche deutsche Schuld mit Schecks getilgt, heute bedient man sich gestanzter Schuldbekenntnisse, die mit vor Rührung zitternder Stimme lautstark vorgetragen werden. Für den nach Wahrheit suchenden Historiker sind diese Tage allerdings bedrückend. Würde man nicht wissen, dass der Besiegte immer schuld ist, könnte man an der Arbeit vieler Wissenschaftler und Autoren zweifeln. Mit Trauer ist auch zu registrieren, dass deutsche Opfer verschwiegen werden. Ich denke da auch an die erst jüngst wieder aufgefundenen Dokumente über die Flucht Deutscher aus Polen im Sommer 1939 oder an die 1.200 Opfer des Massakers an der Marienburg in Ostpreußen 1945,über die von den Etablierten der Mantel des medialen Vergessens gebreitet wird.

Frage: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die jüngsten Anschläge in Afghanistan?

Der Afghanistaneinsatz ist – zurückhaltend formuliert - im deutschen Volk nicht mehrheitsfähig. Die Entscheidungsträger heucheln, es gäbe keinen Kriegseinsatz. Es gibt ihn aber. Den Soldaten fehlt es offensichtlich sowohl an Ausbildung als auch am Wehrmotiv. Der szt. von Peter Struck behauptete Auftrag, Deutschlands Freiheit werde am Hindukusch verteidigt, ist unzutreffend. Das wissen die Soldaten. Da helfen auch die salbungsvollen Sprüche des derzeitigen Verteidigungsministers Jung nicht viel weiter. Für die Interessen fremder Mächte wirft kein Soldat sein Leben in die Schanze. Was die Tragödie in Kundus betrifft, so kennen wir gewiß noch nicht alle Einzelheiten, aber ich fürchte, die Schuldbereitschaft deutscher Deutungseliten wird weiter wachsen. Ursachenforschung ist wichtig, aber gedenken etwa die Amerikaner des Massakers von My Lai während des Vietnamkrieges vor 40 Jahren?
Ich will also nicht ausschließen, dass 2079 die Berliner Politpriesterschaft schuldbeladen nach Kundus pilgert ähnlich der Gedenkfeiern am 3. September 2009 auf der Westerplatte. Die Mehrheit der Deutschen vertritt jedoch die Auffassung, es sei das Gebot der Stunde lieber heute als morgen aus Afghanistan rauszugehen. Deutschlands Freiheit wird nicht am Hindukusch verteidigt, sondern deutsche Soldaten werden dort fremden Interessen geopfert.

Frage: Welches Buch empfehlen Sie einem Bürger, der nicht so recht an die Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg glauben und sich einmal aus ganz anderer Sicht informieren will?

Die einseitigen Informationsströme, denen der Mensch im Medienzeitalter des 21. Jahrhundert ausgesetzt ist, verhindern eine notwendige Meinungs- und Wissensvielfalt. Es wäre in diesen Tagen gewiss reizvoll gewesen, wenn etwa Dr. Scheil, Dr. Post oder General Schultze-Rhonhof mit amtlich bestallten Historikern wie Rainer F. Schmidt oder Kellerhof in verschieden en Programmen hätten offen Argument und Gegenargument austauschen können. Das ist doch der Sinn einer freiheitlich verfassten Grundordnung , die ich aufrichtig vermisse. Aber der Wissendurstige kann dennoch zu einer Fülle von Büchern greifen, die sich dieser Thematik widmen und die im Handel erhältlich sind Gerade zum Einstieg ist der Band > Das letzte Geheimnis – wie es wirklich zur Katastrophe des Zweiten Weltkrieges kam < insbesondere für junge Menschen von besonderem Gewinn. Wer mehr wissen und hinter die Kulissen blicken will, den möchte ich gerne auf die in diesen Tagen neu erscheinenden Bücher aus unserem Haus verweisen, die ich in den vergangenen Monaten verlegerisch betreuen und druckfertig machen durfte. Jacques Benoist-Méchins faszinierende Arbeit über die letzten 33 Tage vor Kriegsausbruch mit einer Fülle von unbekannten Dokumenten lädt den Leser geradezu ein, die sich entwickelnde Tragödie aus der Sicht des Beteiligten mit zu erleben. Und Dietrich Aigner hat wohl als erster anhand eines immens aufwendigen Akten- und Zeitungsstudiums nachgewiesen, dass die englische Bevölkerung schon seit 1937 systematisch auf eine militärische Auseinandersetzung mit Deutschland vorbereitet wurde. Man sollte auch in unseren Kreisen nicht lamentieren, sondern unsere guten Argumente an die nächste und übernächste Generation herantragen.

Frage: Können Sie uns etwas über diese Autoren verraten?

Jacques Benoist-Méchin zählte schon vor 1939 zu den großen französischen Historikern seiner Zeit Nach der Niederlage Frankreichs 1940 erledigte er unter Marschall Pétain und Admiral Darlan zahlreiche Aufgaben . Sein wichtigster Posten im Range eines Staatssekretärs war der eines Koordinators der französischen Interessen gegenüber dem DeutschnReich..Nach dem Krieg wurde er zum Tode verurteilt, aber dann von Präsident Coty begnadigt. Er starb 1983 in Paris. Aus seiner intimen politischen Kenntnis heraus, kannte er zwangsläufig alle uns bis heute nicht bewussten Verflechtungen, die in diesem Buch > SOMMERKRISE UND KRIEGSAUSBRUCH - Das Deutsche Reich und die Geheimpolitik der europäischen Großmächte < ihren Niederschlag finden und dokumentiert werden. Geradezu sensationell ist seine Schilderung der ersten Septembertage 1939, wie sie in dieser Dichte und Brisanz noch nicht veröffentlicht wurde. Dietrich Aigner, promovierter Historiker, arbeitete als Bibliothekar in Mannheim. Er hat in seinem monumentalen Werk DER GEPLANTE KRIEG –Churchills Verschwörung gegen Hitlers Deutschland als erster das Netzwerk der deutschfeindlichen Kräfte in London aufgedeckt. Sein Buch erschien – allerdings unter anderem Titel in einer wissenschaftlich nur bedingt brauchbaren Form vor vielen Jahrzehnten in einem etablierten Verlag. Ich bin froh, dass ich jetzt ein Versprechen, das ich Mitte der 80er Jahre dem viel zu früh verstorbenen Autor gegeben habe alle Fußnoten in einer Neuauflage mit zu drucken, jetzt einlösen konnte. Ein Epoche machendes Werk, das durch weitere Forschungen an Gewicht gewonnen hat.

Frage: Welche Bedeutung messen Sie Büchern bei, die von Verschwörungen oder - neutraler formuliert - der Öffentlichkeit unbekannten Zusammenhängen handeln ?

Derartige Titel finden immer eine große Zahl von Anhängern. Diese zweckorientierte Betrachtung von Geschichte und Gegenwart vernebelt freilich den Blick auf das tatsächlich Geschehene. Wer sich jedoch mit Geschichte vorurteilsfrei auseinandersetzt, wird freilich bevorzugt zu Werken greifen, die nicht auf Spekulationen fußen, sondern auf überprüfbaren Fakten, sauberen Dokumenten und einwandfreien Quellen. Die Einstiegsdrogen in die historische Esotherik erfreuen sich freilich besonderer Beliebtheit, allerdings sind sie für eine solide Auseinandersetzung mit unserer Vergangenheit, die noch und immer wieder dringend geboten ist, nicht zielführend. Wer mit der herrschenden Forschung und Lehre - trotz mannigfacher auseinanderklaffenden Ansichten – in Verbindung steht, weiß, dass die Verschwörungstheoretiker nicht selten dafür herhalten müssen, um akademisch fundierte Gegenpositionen auszuhebeln. Andererseits haben auch gelegentlich Bücher dieser Richtung durchaus vertiefend gewirkt und zur Wahrheitsfindung beigetragen.

Frage: Papierbuch versus elektronisches Buch was wird in Zukunft dominieren ?

Ich erinnere mich an einen Schlager aus den 50er Jahren >Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett<. Die Vorstellung mit einem Hörbuch auf dem Nachtisch schlafen zu gehen, ist absurd.

Ich habe mir dieser Tage eine ermutigende Ausstellung über die zunächst in Tübingen wirkende Verlegerfamilie Cotta angesehen. Die Cottas verlegten ja u. a. Goethe, Schiller, Hebbel, aber auch Alexander von Humboldts Reisen nach Südamerika oder Bismarcks Erinnerungen. Johann Friedrich Freiherr von Cotta war ein allround-Genie, ein Tüftler, ein glänzender Kaufmann. Und ein Freigeist. Er stritt leidenschaftlich für Pressefreiheit und Urheberrecht. Man nannte ihn den > Napoleon der Bücher < Seine gewaltige Lebensleistung hat mich einmal mehr überzeugt, dass der Beruf des Verlegers eher eine Berufung ist und hat mich zugleich in meiner Zuversicht an die Zukunft des gedruckten Buches bestärkt. Sicherlich wird es auch künftig Märkte für das elektronische Buch geben; aber Lesegenuß ist durch nichts zu ersetzen.