Das neue Sonderheft DEUTSCHE GESCHICHTE ist soeben erschienen:
ÜBERALL IM AUSGEWÄHLTEN ZEITSCHRIFTENHANDEL ERHÄLTLICH
ODER:
EDITORIAL (der aktuellen Ausgabe)
SCHICKSALSJAHR 1939
In einem Gespräch mit einem deutschen Nachrichtenmagazin erklärte kürzlich Henry Kissinger, eine der schillerndesten Gestalten der Politik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, es stehe außer Frage, dass der deutsche Reichskanzler der Hauptschuldige für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sei, aber man müsse auch berücksichtigen, dass mit Versailles das Verhängnis des 20. Jahrhunderts begann .
Versailles, St. Germain, Trianon und Sèvres waren nicht nur folgenschwere Fehler der damaligen Siegermächte, die ohne das Eingreifen 1917 der USA kaum diese Rolle hätten einnehmen können, sie waren vielmehr Todsünden wider den Geist der zivilisierten Nationen, unterstützt vom Wortbruch des US- Präsidenten. Wurde schon in Versailles der Kriegsschuldparagraph 231 wider besseres Wissen dem deutschen Volk aufgezwungen, wurde in den Nürnberger Prozessen die alleinige Schuld Deutschlands am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges quasi zum Dogma erhoben. In diesem Zusammenhang muss einmal mehr daran erinnert werden, dass es Schuld und Unschuld in Bereichen der Moral und des Rechts geben mag. Bei Politik und Geschichte sollte man vor allem nach Tatsachen fragen und Ursachen erforschen.
Wer sich auch nur ein gesundes Maß an Gerechtigkeitssinn, ein Stück Selbstbewusstsein und ein Quentchen Nationalgefühl bewahrt musste und muss gegen diese Dogmen Sturm laufen. Waren es in den ersten Jahren nach dem verlorenen Krieg noch Akteure und Zeitzeugen, die aufgrund ihrer persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen ein anderes Bild jener dramatischen Ereignisse zeichneten, so rückte im Lauf der Jahre die Erlebnisgeneration in den Hintergrund und die ersten Publikationen, gestützt auf echten oder > hingebogenen< deutsche Beuteakten , frei gegebene britische und US- Dokumente gleicher Art konnten erscheinen. Auch wenn für Interpretationen reichlich Platz bleiben mag, Beweismaterial, das die deutsche Seite entlastet, wurde und wird gerne verschwiegen, unterdrückt oder aus dem Zusammenhang gerissen .
Deutlich wurde diese Methode der politisch festgelegten Geschichtsbetrachtung schon bei den sog. Nürnberger Prozessen gegen die Hauptangeklagten. Man muss heute mehr denn je daran erinnern ,dass etliche der in Nürnberg vorgelegten Schlüsseldokumente, bzw. > Beweise <, in ihrer Authentizität weder wissenschaftlicher noch kriminologischer Prüfung stand halten. Sie waren entweder vollständig oder teilweise gefälscht t und fanden dennoch ihren Niederschlag in Urteilen und in den etablierten Medien der Bundesrepublik.
Den zuständigen Bonner und Berliner Stellen sowie den Länderbehörden ist der Vorwurf nicht zu ersparen, dass sie über einen einseitigen volksverhetzenden Geschichtsunterricht maßgeblich zur Umerziehung ganzer Generationen beigetragen haben. Tatsächlich aber hatte der alliierte Kriegsschuldparagraph von 1919 freilich zu einer breiten Front gegen diese These geführt. Von rechts bis links sammelte und formulierte sich der Widerstand. Nach dem 2. Weltkrieg waren es die von den Alliierten eingesetzten politisch Verantwortlichen , die von dem > von Hitler allein entfesselten Krieg < solange predigten, bis dies > gerichtsbekannt< wurde Eingang in die Schulbücher fand und sich in viele Hirne ätzte.
Dabei wurde und wird die Tatsache übersehen, dass die Hauptsiegermächte , die USDA und die UdSSR , schon wenige Jahre nach den Nürnberger Urteilen die These von der deutschen Alleinschuld relativierten, als sie sich gegenseitig beschuldigten, für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mitverantwortlich zu sein. Die amerikanische Regierung veröffentlichte bereits 1948 das sog. > Geheime Zusatzprotokoll > zum Hitler- Stalinpakt von 1939 und brachte damit unmissverständlich ihre Auffassung zum Ausdruck, dass die seinerzeitige Sowjetführung an der Entfesselung des Krieges eine ebenso zu belasten sei wie die NS- Führung. Und Moskau vertrat seit 1946 konsequent die These, dass für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges > alle imperialistischen Staaten< - die Verantwortung zu tragen hätten.
Dessen ungeachtet wird heute in der Bundesrepublik und in der Republik Österreich eine unvoreingenommene Betrachtung der Ereignisse der letzten Jahre und Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht nur als politisch unkorrekt abgetan sondern nicht selten mit dem Bannstrahl der > Verfassungsfeindlichkeit < belegt und damit der längst überfälligen Diskussion entzogen.
Tatsächlich hat aber das deutsche Bundesverfassungsgericht in verschiedenen Urteilen zum Ausdruck gebracht, dass es nichts anderes als eine breite öffentliche Diskussion vieler zeitgeschichtlichen Fragen wünscht, an der alle gesellschaftlich relevanten Meinungsgruppen gleichberechtigt teilnehmen sollen. Als Ergebnis dieser Diskussion würde sich dann über kurz oder lang eine einigermaßen zutreffende Auffassung der damaligen Ereignisse herausbilden.
Von dieser- zweifellos sehr schönen - Forderung des Bundesverfassungsgerichtes ist die heutige Realität leider weit entfernt. Einer von vielen Gründen für die Misere ist die ungebremste Vorherrschaft des linken, bzw. linksliberalen Meinungsspektrums mit festgezurrten Positionen in Presse und Fernsehen.
Gerade öffentliche Diskussion ist aber im Abstand von sieben Jahrzehnten dringend geboten. Die Debatte über die historischen Vorgänge zwischen der Unterschrift unter das Versailler Diktat und dem 1. September 1939 sind nicht nur für den Geschichtsbewussten sondern für jeden auch in der Tagespolitik engagierten Menschen unerlässlich. Das bewusste Hinterfragen der Ereignisse, das überzeugende Vorbringen der Begebenheiten und das Gewichten und Wägen der Dokumente werden zeigen, dass die These von der deutschen Alleinschuld von 1939 ebenso wenig abgesichert ist wie die Behauptung, 1914 seien es allein die Mittelmächte gewesen, die den Ausbruch des Ersten Weltkrieges heraufbeschworen haben.
Der Vertrag von >Versailles < mag eine von vielen Ursachen für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gewesen sein. Andere Momente kommen hinzu: Zum Beispiel der wachsende Unmut der Sieger von 1919. Sie wollten sich nach 1933 nicht daran gewöhnen , dass Deutschland im Konzert der europäischen Großmächte nicht nur eine Nebenrolle zu spielen bereit war, sondern einen > Platz an der Sonne < beanspruchte, wie es einst Wilhelm II. für das Zweite Kaiserreich gefordert hatte. Wilhelm II. scheiterte daran und auch Hitler blieb nur ein zeitweiliger Erfolg beschieden.
Hitlers außenpolitische Erfolge bei der friedlichen Überwindung des Versailler Vertrages waren offensichtlich. Ebenso wichtig erscheint aber der innenpolitische und sozialpolitische Ruck , der durch Deutschland nach dem 30.Januar 1933 ging. Die Überwindung des Klassenkampfes ist in keinem anderen Land jener Jahre so nachhaltig gelungen wie in Deutschland. Der vom US-Präsident Roosevelt 1933 verkündete > New Deal < , der viele Parallelen zur Innenpolitik der NS- Führung aufweist, erzielte bestenfalls Teilerfolge, während Hitler die Beseitigung von sechs Millionen Arbeitslosen keineswegs nur durch Aufrüstung, sondern vor allem durch entschlossene und auch teilweise kühne Maßnahmen im arbeitspolitischen und sozialen Sektor gelang. Dies macht deutlich, dass hier ein anderer Denkansatz bestand als in den westlichen Demokratien. Die > Volksgemeinschaft < rückte in den Vordergrund und überlagerte die vom > Klassenkampf < und anderen bürgerkriegsartigen Gegensätzen heimgesuchte Gesellschaft der Weimarer Republik.
Die NS- Führung propagierte einen neuartigen Lebensentwurf, der die intakte Familie als kleinste Zelle von Volk und Staat wollte und sie gezielt förderte, und der unteren Schichten der Bevölkerung die Möglichkeit eines sozialen Aufstiegs allein aufgrund der persönlichen Leistung eröffnete. Noch heute zeigen unzählige Bilddokumente die Begeisterung und Aufbruchsstimmung jener Jahre.
Nach dem verlorenen Krieg wurden die Errungenschaften von Hitlers Sozialstaat von den Bonner Parteien stillschweigend übernommen und weitergepflegt, bis der seit den 80er Jahren von den USA ausgehende Neoliberalismus zu einer Wende in der gesamten westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik führte
Die innere Entwicklung im nationalsozialistischen Deutschland wurde im Ausland sorgfältig registriert und hatte u.a. die kuriose Folge, dass deutsche KDF-Schiffe mit urlaubenden Arbeitern an Bord englische Häfen nicht anlaufen durften, da London fürchtete, ihre eigenen Arbeiter könnten aufgrund dieses Vorbildes aufsässig werden.
War die deutsche Innenpolitik von außen kaum zu beeinflussen, so war die Regierung Hitler auf dem Gebiet der Außenpolitik viel empfindlicher zu treffen, gerade weil sie bei der Revision des Versailler Vertrages mittels eines spektakulären Krisenmanagements einige bedeutende Erfolge erzielte und die Landkarte Mitteleuropas umgestaltete.
1939 wurden die Weichen für einen neuen europäischen Krieg gestellt. Im Hintergrund agierte eine deutschfeindliche Fraktion in den USA, England und Frankreich am Werk, deren europäischer Repräsentant Winston Churchill war. Churchill hatte bereits 1915 bekannt – und dies war keineswegs ein Geheimnis – dass Krieg für ihn ein Selbstzweck. ja eine großartige persönliche Unterhaltung sei. Es gelang dieser Fraktion von Kriegsbefürwortern , über das Deutsche Reich und an seiner Spitze Hitler ein verderbenbringendes Netz zu werfen. Mit dem > Hitler-Stalin-Pakt < konnte der > Führer und Reichskanzler < den Gordischen Knoten scheinbar zerschlagen und Deutschland für die kommenden 22 Monate aus der Zwei-Fronten-Situation befreien.
Es erscheint mehr als fraglich, ob die Danzigfrage 1939 für Deutschland einen Krieg mit Polen lohnte. Durch den Hitler-Stalin-Pakt war Polen in eine prekäre geopolitische Situation geraten, die mit Geduld und diplomatischem Nachdruck hätte genutzt werden können. Andererseits zeigen viele Dokumenten und Protokolle der europäische Kabinette jener dramatischen Tage, dass auch Hitler von Chamberlain, Churchill, Roosevelt bedrängt wurde. Die Zeit schein reif mit Hitler abzurechnen. Sie wurde genutzt, koste es was es wolle.
Oft wird heute die Behauptung aufgestellt, der Zweite Weltkrieg wäre ohne die
Judenpolitik des Dritten Reiches nicht ausgebrochen. Die Aktenlage widerspricht dieser These. Diese zweifellos belastende Problematik trug zu den wesentlichen Entscheidungen allenfalls am Rande bei. Die Frage muss auch einmal anders gestellt werden: Hatte auch nur eine der westlichen Demokratien die Judenpolitik des Dritten Reiches als Grund für ihren Kriegseinsatz genannt ?
Am 1. September 1939 trat >der Führer und Reichskanzler< vor den >Großdeutschen Reichstag< und rief das berühmt-berüchtigte Wort > Seit 5.45 wird zurückgeschossen < den Abgeordneten zu, da tobte der Plenarsaal vor Begeisterung. Wer freilich die Bilder der Verantwortlichen sieht, blickt in ernste, sorgenvolle Gesichter. Man war sich der Schwere des Augenblicks bewusst. Ein Vierteljahrhundert zuvor, waren die Soldaten noch mit klingendem Spiel und lautem Hurra ins Feld gezogen. > Im Herbst, wenn das Laub fällt ,< wollte man wieder daheim sein. Wer überlebte, kam 1918 geschlagen nach Hause.
Als am 3. September 1939 um 9.00 morgens das auf zwei Stunden befristete britische Ultimatum in der Reichskanzlei eintraf, sagte Göring zu den Umstehenden, > Wenn wir diesen Krieg verlieren, dann Gnade uns Gott !<
Die Stimmung in der deutschen Bevölkerung war gedrückt.> Es ist eine düstere Fahrt, die wir mit der Führerkolonne durch das verdunkelte Berlin zum Stettiner Bahnhof unternehmen<, berichtet der nachmalige stellv. Pressechef der Reichsregierung in seinen Erinnerungen , wenn er diesen für den Fortgang der Geschichte so wesentlichen Tag abschließt .Ein Vierteljahrhundert zuvor, waren die Soldaten noch mit Hurra auf Kaiser und Deutschland ins Feld gezogen. Diesmal gab es keine jubelnden Massen, keine Marschmusik und auch keine > Heil Hitler-Rufe <.
Die Erinnerung an den 9. November 1918 wurde wieder lebendig. Gott war den Deutschen nicht gnädig .
Herzlich Ihr
Gert Sudholt
